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Die Natur der Anderen

Migranten als ökologische Akteure

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Zum Thema Migration und Ökologie lassen sich ganz unterschiedliche Geschichten erzählen. Nicht nur ausländerfeindliche Medien präsentieren Einwanderer gerne als besonders schlimme Umweltsünder, obwohl es eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die überhaupt erst dadurch zu Migranten wurden, dass sie sich vor Umweltschäden in ihrer Heimat in Sicherheit bringen mussten. Außerdem sind sowohl in der weiten Welt als auch im Ruhrgebiet Migranten und deren Nachkommen immer häufiger selbst ökologisch aktiv.

Pilze unter Pinien

Bevor ich auf Ruhrgebiet zu sprechen komme, möchte ich eine Geschichte erzählen, die sich regelmäßig zwischen Südostasien und dem Nordwesten der Vereinigten Staaten abspielt. Wer im Herbst lange genug durch die ausgedehnten Kiefernwälder im US-Bundesstaat Oregon streift, wird irgendwann auf asiatische Migranten treffen, die dort seltene und wertvolle Pilze sammeln, um sie später zu verkaufen. Viele dieser Pilze lassen sich nicht züchten und sind folglich auf die Koexistenz des gesamten Biotops angewiesen, in dem sie gedeihen.
Ein solcher Wildpilz ist der Matsutake. Er schmeckt ein wenig süßlich und wird besonders in Japan nicht nur als eine begehrte kulinarische Zutat verwendet, sondern gelegentlich auch als Zeichen der besonderen Wertschätzung verschenkt. Die asiatischen Pilzsammler in den USA sind Angehörige von Volksgruppen, die in den bewaldeten Berggebieten von Laos, Vietnam und Thailand beheimatet sind, manchmal auch Khmer oder Muslime aus der ethnischen Gruppe der Cham. Gegenüber den einheimischen Amerikanern haben diese Migranten den Vorteil, dass sie über die feine Nase und das geschulte Auge verfügen, die man braucht, um die im Verborgenen wachsenden Pilze aufzuspüren.
Für den durchschnittlichen westlichen Geruchs- und Geschmackssinn sind diese Pilze entweder ganz uninteressant oder sogar regelrecht abstoßend. Für die Sammler hingegen sind nicht nur die Pilze wertvoll, sondern auch die Wälder Oregons, in denen sie wachsen, obwohl diese Wälder in einem fremden, für viele ganz unvertrautem Land liegen. Die in unterschiedlichen Kulturen gebildeten Sinne gehen somit einher mit unterschiedlichen Wertungen und Nutzungsformen von Naturgewächsen. Biologische und kulturelle Vielfalt korrespondieren miteinander, und der kapitalistische Weltmarkt bildet das Medium, in dem – mit allerhand Reibungsverlusten – spezifische kulturelle Prägungen und Fähigkeiten, seltene biologische Arten und globale Marktnischen aufeinander abgestimmt werden.

Im grünen Bereich

In manchen Regionen der Welt, etwa in Teilen Chinas oder auf den Philippinen, werden Menschen durch Naturzerstörung oder auch durch restriktive Forstgesetze und die Einrichtung von Nationalparks überhaupt erst zu Migranten und ökologischen Flüchtlingen gemacht. Migration kann sowohl Folge wie auch Ursache ökologischer Störungen sein. Der Zusammenhang ist also, wie so oft, komplexer als es bestimmte Medien und Interessengruppen suggerieren, die allzu gerne von der vermeintlichen geringen Bindung von Migranten an das Aufnahmeland auf deren Sorglosigkeit im Umgang mit Natur und Landschaft schließen.
Neulich wurde berichtet, dass in Deutschland, statistisch gesehen, Migranten und deren Nachkommen deutlich weniger als andere Bevölkerungsgruppen dazu neigen, Altbatterien fachgerecht zu entsorgen und recyceln zu lassen. Das giftige Blei wandert direkt in den ungetrennten Hausmüll. Solche isolierten Befunde werden im öffentlichen Bewusstsein rasch verallgemeinert und nähren ein weit verbreitetes Vorurteil. Ökologie und Naturschutz, so die vorherrschende Meinung, sind nur für die deutsche Mittelschicht wichtig, nicht für das Proletariat der „Ausländer“. Tatsächlich finden sich etwa in den Mitgliedsverbänden des Deutschen Naturschutzrings (DNR) und vergleichbaren Organisationen nur vereinzelt Mitarbeiter aus Migrantenfamilien, die auch erst in jüngster Zeit als eine wichtige Zielgruppe entdeckt worden sind. So wird das allgemeine Vorurteil gefestigt, dass sich das Naturverhältnis von Migranten auf großfamiliäre Grillfeste in städtischen Parks reduziert.
Diese eingeschränkte Perspektive übersieht jedoch eine Reihe wichtiger jüngerer Trends. So hat zum Beispiel das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen ermittelt, dass die Sensibilität für Kernfelder des Umweltschutzes unter den Nachkommen türkischer Einwanderer in der zweiten und dritten Generation kontinuierlich gewachsen ist und inzwischen größer ist als bei anderen Deutschen, und zwar weitgehend unabhängig vom Bildungsniveau. Bürger mit Migrationshintergrund glauben eher als die Alteingesessenen, dass wir auf Umweltkatastrophen zusteuern, „wenn wir so weitermachen wie bisher“. Forschungsprojekte wie „EMIGMA - Empowerment für Migranten zum Klimaschutz“ (Fachhochschule Dortmund) oder „MultiKulturLandschaft“ (Forum für internationale Entwicklung und Planung) suchen nach Wegen, dieses kritische Potenzial genauer zu bestimmen und zu mobilisieren. Andere Studien belegen, dass es keinerlei stabilen kausalen Zusammenhang zwischen ethnischer Herkunft, religiösen Überzeugungen und Umweltbewusstsein gibt.

Andere Gärten

Zu den interessantesten Konflikten in diesem Feld gehören solche, in denen Migrantengruppen Brachflächen, die meistens der jeweiligen Gemeinde gehören, übernehmen, sanieren und als Grabeland oder Kleingartenkolonie nutzen. Die vielleicht erste einer langen Serie solcher gärtnerisch motivierten ungesetzlichen Landnahmen fand 1980 statt, als türkische Arbeiter und deren Angehörige und Freunde am Rand eines Werksgeländes der Firma Thyssen in Oberhausen eine Fläche besetzten. Danach errichteten sie eine mit Zäunen und Maschendraht abgeschirmte Kolonie, in der es neben Gärten auch eine Werkstatt und nach traditionellem Vorbild gesonderte Bereiche für Frauen und Kinder gab. Von all dem erfährt man einiges in den Erzählungen von Fakir Baykurt, die unter dem Titel Türkische Gärten im Pott erschienen sind.
Vor zehn Jahren schlug ein anderer Fall einige Wellen, als wiederum türkeistämmige Familien eine Brache zwischen der Eisen- und der Burgholzstraße im Dortmunder Norden von Müll und Wildwuchs befreiten, lokale Dealer vertrieben und ohne vertragliche Nutzungserlaubnis Gärten mit allerlei Nutzpflanzen anlegten. Aus der Ferne wirkt dieses Vorgehen ein wenig wie das gärtnerische Pendant zu den Berliner „Instandbesetzungen“ der achtziger Jahre, also jener Hausbesetzungen, die das Ziel hatten, leerstehende Altbauwohnungen vor dem Verfall zu retten und wieder bewohnbar zu machen. Oder auch als eine Variante dessen, was heute unter Stichworten wie urbanes Gärtnern, urbane Landwirtschaft oder guerrilla gardening diskutiert wird. Auch in Dortmund kam es zu (friedlich ausgetragenen) Konflikten zwischen den Migranten und der Bezirksvertretung Innenstadt-Nord, einem benachbarten Autohaus sowie einem regulären deutschen Kleingartenverein in der Nähe. Diese Konflikte, die im Laufe der Zeit gelöst werden konnten und in die Gründung des Yesil Bostan-Gemüsegartenvereins mündeten, beruhten auf den räumlichen Expansionsinteressen einzelner Akteure, aber auch auf unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie ein richtiger Kleingarten auszusehen habe.
Seit jener wilden Besetzung in Oberhausen 1980 sind Konflikte um die Aneignung unbebauter, planerisch undefinierter Brachflächen oft zu Lasten der jeweils aktiven Migrantenfamilien und ihrer Freunde ausgegangen, so etwa auch am Hördeweg in Gelsenkirchen, wo 2005 nach langem Streit ungefähr 70 vor allem türkische Gärten in Waldfläche umgewandelt wurden, um „Ausgleichsgrün“, wie es im Jargon der Stadtplaner heißt, für einen neuen Autobahnanschluss an die A42 zu schaffen.
Inzwischen wird die Etablierung und Entwicklung von Gärten, in denen Migranten ihre eigenen Ideen urbaner Gartenkultur verwirklichen können, von Vereinen, Hochschulinstituten oder Fördereinrichtungen wie der Münchner Stiftung „Interkultur“ unterstützt, die auf ihrer Homepage 130 „interkulturelle“ oder „internationale“ Gartenanlagen in ganz Deutschland aufführt. Eines dieser Projekte ist der seit 2003 bestehende Verein „Bunte Gärten“ in der Alten Kirchstraße in Essen-Katernberg, ganz nah an der Grenze zu Gelsenkirchen. Auch um diese etwa 11 000 Quadratmeter große Anlage gibt es Krach, seit der Stadtverband der Essener Kleingärtner im Mai dieses Jahres dem Pächter der Bunten Gärten aus undurchsichtigen Gründen gekündigt hat. Die Migranten-Anlage unterscheidet sich schon optisch von der daneben liegenden normaldeutschen Schrebergartenanlage, von der sie durch einen grünen Metallzaun getrennt ist. Offenkundig legen die Türken, Libanesen, Marokkaner und Tunesier, die dort ihre Parzellen bestellen, im Unterschied zu ihren Nachbarn keinen Wert auf Zäune, blickdichte Hecken oder aufgehübschte Lauben. Auch Flagge gezeigt wird hier (fast) gar nicht. Zur Zeit gibt es Schlichtungsversuche zwischen den Bunten Gärten und dem Schrebergartenverband, in deren Verlauf sich zeigen wird, was den Migranten eigentlich vorgeworfen wird. Die Vermutungen von Außenstehenden reichen von blankem Rassismus bis hin zu jener Art des kleingärtnerischen Sozialneids, den Undine Siepker in ihrem Kurzfilm „Ali sein Garten“ (2010) ans Licht gebracht hat, wo einer sagt: „Die Deutschen hegen und pflegen und mühen sich, und die Türken schmeißen einfach was hin und das wächst wie Sau!“

Interkultur und Internatur

Die zahlreichen Gartenexperimente von Migranten, die wir seit über dreißig Jahren im Ruhrgebiet und anderswo beobachten können, müssen im Kontext einer längeren Tradition gesehen werden. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts gehen Selbstversorgungsansprüche mit lebensreformerischen Impulsen alle möglichen Kombinationen ein. So wusste bereits der Kindertherapeut Karl Linn, der als Jude in den dreißiger Jahren aus Deutschland fliehen musste und einer der Pioniere der „community gardening“-Bewegung in den USA war, dass Migranten häufig erst durch das Anlegen von Gärten in ihrer neuen Heimat buchstäblich Wurzeln schlagen.
Im Ruhrgebiet kommt hinzu, dass viele Migranten oder deren Vorfahren aus agrarisch geprägten Regionen oder aus dem Umland von Städten kommen, in denen Slum-Gärten oder auch etwas anspruchsvollere Formen von Kleinlandwirtschaft bis heute üblich und Teil der Subsistenzökonomie sind. Der Zugang zu Grabelandparzellen oder Gartenkolonien bedeutet daher den Anschluss an eine wichtige Tradition, gleichsam ein Stück Heimat to go. Das galt schon für die Polen im Ruhrgebiet und gilt heute ebenso für viele Türken, Kurden, Russlanddeutsche und andere. Wir beobachten also den Transport eines zentralen Kulturelements nach Deutschland, wo Schrebergärten in manchen Regionen identitätsstiftend sind, und dessen allmähliche Angleichung an die Normen des Bundeskleingartengesetzes und anderer Regeln. Das importierte Kulturelement wird gelegentlich begleitet von der Einfuhr anderer Pflanzen, die auf den Parzellen der Migranten gedeihen: schwarzer Basilikum, Zuckerschoten, Bittermelonen. Schon werden sich einige fragen, ob zur vielfach befürchteten Parallelgesellschaft jetzt auch noch eine Parallelnatur hinzutritt. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob in den interkulturellen Gärten und anderen ethnisch gemischten Kolonien eine Erweiterung jener Utopie des „Volksgartens“ entstehen könnte, die schon im 18. Jahrhundert von dem dänischen Landschaftsarchitekten Christian Hirschfeld in seiner Theorie der Gartenkunst propagiert wurde. Hirschfeld träumte von Gärten, in denen alle Gruppen der Gesellschaft „sich finden, sich sehen, miteinander umherwandeln, sich unterhalten“ können. Der nächste Schritt wären Gärten, in denen alle beteiligten Gruppen darüber hinaus auch noch kooperieren und Dinge austauschen in der Erwartung, dass mehr wächst und gedeiht als nur Kraut und Rüben.

Autor: Dr. Volker Heins ist Direktor des Forschungsbereichs „Interkultur“ am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI).

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Herr Tare in seinem Gemüsegarten auf einem ehemaligen Brachgelände im Dortmunder Norden. Foto: Eckart Waage © studio b music GmbH

Migranten und Klimaschutz

„EMIGMA - Empowerment von Migranten zum Klimaschutz“, so heißt das seit 2010 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung für drei Jahre geförderte Projekt an der FH Dortmund. Hier werden das Umweltverhalten und die umweltbezogenen Einstellungen von türkisch- und russischsprachigen Migranten erforscht und deren Engagement für den Klimaschutz gestärkt. Dazu wurden in den Regionen Dortmund, Berlin, München und Baden-Württemberg das Umweltverhalten, die umweltbezogenen Einstellungen sowie das Engagement in den drei Bereichen Mobilität, Wohnen und Ernährung bei Eingewanderten erhoben. Dabei wurde insbesondere deutlich,
- dass die Befragten insbesondere die Nutzung von Bus und Bahn als eine klimaschonende Alternative zur PKW-Nutzung ansehen,
- dass die Bereitschaft zum Kauf von Bioprodukten und zur Nutzung von Ökostrom faktisch noch gering entwickelt ist,
- dass sich jedoch viele Anknüpfungspunkte bieten: Die Befragten haben ein grundsätzliches Interesse, sich aktiv einzubringen und sich zusammen zu tun.

www.fh-dortmund.de

Yeşil Çember NRW (Grüner Kreis NRW)

Yeşil Çember ist eine türkischsprachige Umweltgruppe, die 2006 unter dem Dach des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) in Berlin gegründet wurde. Seit Anfang 2011 gibt es auch beim BUND in Nordrhein-Westfalen eine Yeşil Çember-Gruppe. Die Mitglieder setzen sich ehrenamtlich für den Erhalt von Natur und Umwelt und die Vermittlung von Umweltwissen an türkischsprachige Mitbürger/innen ein. Yeşil Çember bietet praktische Beratungen u.a. zum Energiesparen, Mülltrennen und zu Schadstoffen im Alltag an. Außerdem organisiert die Gruppe den türkischsprachigen Umwelttag.

yesilcember.eu


Treffpunkt Garten - Frauen in Konya, Türkei. Foto: Scott D. Haddow (CC)

Migranten ergreifen Initiative

Der "Yesil Bostan - Gemüsegartenverein e.V." entstand im Zuge der Umnutzung einer Brachfläche im Dortmunder Norden, die zunächst von türkischstämmigen Familien aus dem Umfeld vom Müll befreit und anschließend als Grabeland genutzt wurde. Nach Beschwerden von Anliegern wurden Verwaltung und Politik auf die Situation aufmerksam. In einem mehrere Jahre dauernden Vermittlungsprozess gelang es schließlich, die Perspektive einer Zwischennutzung der Fläche zu entwickeln. Zur Sicherung einer geregelten Trägerschaft wurde der Verein gegründet.

www.planerladen.de


Selbsgebaute Hütte auf dem Gelände des Dortmunder Gemüsegartenvereins Yesil Bostan e.V. Foto: Eckart Waage © studio b music GmbH

Foto: C. Shusky (CC)

Mutterboden

„Nimm dieser Pflanze ihren Boden, Saft und Kraft, und pflanze sie in die Luft: nimm diesem Menschen Ort, Zeit und individuelle Bestandheit – du hast ihm Athem und Seele genommen.“ (Johann Gottfried Herder)
Seit Jahrtausenden besteht zwischen Mensch und Boden eine enge Beziehung. Der im 18. Jahrhundert geprägte Begriff des Mutterbodens bezeichnet hierbei vorwiegend das fruchtbare, vom Menschen landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzte Land - ein pragmatischer Gegenstand, eine Sache, die man gebraucht und verbraucht. Betrachtet man den Mutterboden kulturgeschichtlich, so wurde dessen Fruchtbarkeit nicht selten mit der Mutterschaft von Frauen assoziiert und symbolisch aufgeladen. Das Bild, dass sich ein Samenkorn in der Erde wie im mütterlichen Schoß entwickelt, findet sich in vielen Kulturen. Nach biblischer Überlieferung schuf Gott Adam aus dem Lehm des Ackerbodens. Doch nicht nur bei den Christen, auch in anderen Religionen, Mythen und Kulturen wurde der Mutter-Erde-Kult zum Sinnbild für Fruchtbarkeit.

Kleingartenanlage in Essen - Ein Stück "Heimat to go". Foto: Pablo Faber © studio b music GmbH

Wissenswertes


Allmende-Kontor in Berlin auf dem Areal des stillgelegten Tempelhofer Flughafens. Foto: M. Erndrag (CC)

Allmende

Die Allmende als Rechtsform gemeinschaftlichen Eigentums bezeichnet all die Flächen, die abseits der parzellierten landwirtschaftlichen Nutzflächen von allen genutzt oder auch bewirtschaftet werden. Um diese Gemeindeflächen gab es schon immer Auseinandersetzungen; so stellte die Aneignung der Gemeindeflächen durch einzelne Adelshäuser in Deutschland im 16. Jahrhundert einen Anlass für den Ausbruch des deutschen Bauernkriegs dar. Der Wegfall der Allmende bewirkte die Verarmung von Kleinbauern. Heute wird der Gedanke des gemeinschaftlichen Eigentums und einer kollektiven Nutzung unter dem Begriff der „Commons“ neu akzentuiert.

Das Allmende-Kontor in Berlin

Auf dem Areal des stillgelegten Tempelhofer Flughafens in Berlin wird mit Nachbarn und Interessierten ein Gemeinschaftsgarten entwickelt, in dem auf mittlerweile über 300 Beeten der öffentliche städtische Freiraum durch gemeinschaftliche, kooperative Nutzung und Gestaltung als Allmende betrieben wird. Für ein pauschales Entgeld von € 5000 pro Jahr arbeiten mehr als 700 Aktive für die Entwicklung von biologischer und sozialer Vielfalt. Sie erhalten dabei Unterstützung und Beratung vom „Allmende-Kontor. Vernetzung für Gemeinschaftsgärten und urbane Landwirtschaft in Berlin“, die neben Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit vor allem die Vernetzung aller Beteiligten und Interessierten und Fragen der zukünftigen Gestaltung des Projekts betreibt.

www.stadtacker.net

Subsistenzökonomie

Das lateinische Wort Subsistenz bedeutet das Bestehen durch sich selbst und für sich selbst. Der wirtschaftstheoretische Begriff ‚Subsistenzökomie‘ beschreibt das ökonomische Prinzip, das den Formen der Selbstversorgung zugrunde liegt. Während die grundlegenden Prinzipien der Subsistenzwirtschaft und der Erwerbswirtschaft einander widersprechen, sind auf der gesellschaftlichen Handlungsebene viele Praktiken der Selbstversorgung mit der Erwerbswirtschaft verträglich bzw. können deren Unzulänglichkeiten ausgleichen. So wird im Zusammenhang mit den aktuellen Nachhaltigkeitsdebatten die Forderung nach einer teilweisen Rückkehr zur Selbstversorgung mittels Gemeinschaftsgärten oder Urbaner Landwirtschaft als Maßnahmen zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme immer häufiger formuliert und auch umgesetzt.


Foto: C. Skies (CC)

Literatur

Christa Müller, Soziologin und Geschäftsführende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis sowie der Stiftung Interkultur, hat 2011 im Münchener oekom Verlag ihr Buch „Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ herausgebracht. Das Buch versammelt Themen rund um die Neue Urbanität, lokale Vielfalt, Wiederentdeckung des Miteinanders, Renaissance des Selbermachens.


Auch das 2007 bei New Village Press erschiene Buch „Buildung Commons and Communities“ von Karl Linn, dem Pionier der US-amerikanischen Gemeinschaftsgartenbewegung, ist äußerst interessant und lesenswert. Es dokumentiert Aktivitäten zur Herstellung gemeinschaftlicher Lebensformen und Arbeitsweisen seit den 1960er Jahren: drinnen und draußen, zeitweilig und langfristig, aber immer sozial heterogen.


Ernte in einem Community Garden, Vancouver. Foto: United Way of the Lower Mainland (CC)